Was Minimalismus für mich bedeutet

Was bedeutet Minimalismus eigentlich? Hier die Definition laut Google:

„Minimalismus ist die bewusste Beschränkung auf das Nötigste. Als Lebensstil bedeutet er, Ballast und übermäßigen Konsum wegzulassen, um mehr Zeit, Geld und Freiraum für die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu gewinnen.“

Zeit, Geld und Freiraum für die wichtigen Dinge. So sehe ich Minimalismus ebenfalls. Eine Freundin aus Serbien hat zu mir gesagt, dass sie nicht minimalistisch lebt, weil sie so viel Zeug hat. Ich kann ihr nicht zustimmen. Sie arbeitet auf einen Lebensstil der kompletten Selbstversorgung hin. Dafür hat sie die Weichen bereits gelegt, indem sie viele verschiedene Obst- und Gemüsessorten in ihrem Garten angepflanzt hat, denen sie sich täglich widmet. Sie bäckt täglich frisches Brot und Gebäck. Die Kleidung der Familie und die Spielsachen der Kinder sind hauptsächlich Secondhandware. Für mich steht all das für Minimalismus, auch wenn die Familie viel Kram hat.

Für mich gehen Minimalismus und Secondhand Hand in Hand. Es geht mir darum, meinen Konsum zu verringern, Ressourcen zu schonen und bewusster mit den Dingen umzugehen. Ich muss nicht umbedingt das Neueste kaufen. Vor jedem Kauf frage ich mich: „Brauche ich das wirklich?“ Ich recherchiere auch immer zuerst, ob es Sinn machen würde, etwas gebraucht zu kaufen.

Letztens bin ich mit einer Freundin durch die Straßen Wiens spaziert und unterwegs liefen wir bei einem meiner Lieblings-Secondhand-Geschäfte vorbei, dem 48er-Tandler. Ich sagte ihr, dass ich dort gern einkaufe, dass man dort immer tolle Sachen finden kann. Das führte zu einer kurzen Diskussion über die Vor- und Nachteile von Secondhandware und Neuware.

Ich möchte hier niemanden shamen, der sich lieber Neuware als Secondhandware kauft, denn es braucht ja auch die Menschen, die sich neue Dinge kaufen und dann ihre gebrauchten Sachen weitergeben oder weiterverkaufen. Aber ich habe manchmal ein wenig das Gefühl, als würde Secondhand auf eine günstige Alternative reduziert werden, die Menschen in Anspruch nehmen, die nicht genug Geld haben. Natürlich kann Secondhand auch das sein, aber es ist noch so viel mehr. Ja, es ist günstiger, aber ich kaufe Secondhand, weil ich die Überproduktion der Markenhersteller nicht unterstützen möchte. So viele einwandfreie Dinge werden heutzutage weggeworfen und durch etwas Neueres ersetzt. Natürlich gibt es immer Möglichkeiten, unsere gebrauchten Gegenstände weiterzuverkaufen oder zu verschenken, aber trotzdem wird immer noch viel weggeworfen. Daher versuchen ich und meine Familie, so wenig wie möglich wegzuwerfen und alten Dingen neues Leben einzuhauchen.

Auf Bild 1 ist unser Wohnzimmer zu sehen, wie es vor ein paar Monaten aussah. Mittlerweile sieht es wieder ganz anders aus. Die Couch haben wir gebraucht auf „kupujemprodajem“ gefunden, einer serbischen Seite für Kleinanzeigen. Den Couchtisch haben wir von meinem Onkel und meiner Tante aus OÖ bekommen. Den Teppich hat mir meine Cousine weitergegeben. Das Fauteuil und den Beistelltisch hat mein Mann beides gratis auf willhaben, einer österreichischen Seite für Kleinanzeigen, mitgenommen. Wie man auf den nächsten beiden Bildern erkennen kann, sind wir momentan dabei, das Fauteuil zu restaurieren. Die Vorhänge sind ebenfalls von willhaben, waren aber nicht ganz gratis. Ähnlich wie im Wohnzimmer setzen sich alle Zimmer in unserer Wohnung aus einer Mischung aus geschenkten und gebraucht gekauften Möbeln zusammen, denen wir wieder neues Leben eingehaucht haben. Meine Kinder schlafen sogar in dem Holz-Stockbett, in dem schon meine Geschwister undn ich geschlafen haben. Auf den Bette kleben noch Sticker von Fußballspielern aus den 90ern, wie zum Beispiel Toni Polster, und auch jede Menge Pokémon-Sticker.

Von klein auf habe ich die Sachen meiner älteren Cousinen vererbt bekommen und mich über jeden Sack voll Kleidung gefreut, als wäre Weihnachten oder mein Geburtstag. Meine Sachen gingen dafür weiter an meine jüngere Schwester und meine jüngeren Cousinen. Auch für meine Kinder habe ich immer von Verwandten und Bekannten so viel Kleidung, Schuhe und Spielsachen bekommen, dass es fast nie notwendig war, ihnen etwas Neues zu kaufen. Sie sind gar nichts anderes gewöhnt und freuen sich jedes Mal riesig über jeden neuen Kleidersack.

Durch mein Leben in Serbien und Österreich befinde ich mich in einer einzigartigen Beobachtungsposition und habe so das Gefühl, dass meine Kinder in Serbien eher ein privilegierteres Leben führen als die anderen Kinder, die dort leben. Für österreichische Verhältnisse wiederum führen sie ein eher bescheidenes Leben.

Ich versuche, meine Anwesenheit in diesen beiden Ländern so zu nutzen, dass ich möglichst viel weitergebe. Ja, ich, meine Familie, meine Kinder bekommen sehr viel, aber ich trage auch sehr viel weiter. Ich bin in meinen 16 Jahren in Serbien noch nie mit einem leeren Auto von Österreich nach Serbien gefahren. Immer nehmen wir Dinge mit, die noch gebraucht werden können, und verteilen sie dann an die entsprechenden Leute, je nach Bedarf. Mein Mann arbeitet für eine Kirche und Kleidung, die wir mitbringen, haben wir dann meistens eine Zeit lang zur freien Entnahme in den Räumlichkeiten der Gemeinde aufliegen. Was nicht gebraucht wird, wird dann an die nächste Gemeinde weitergeschickt und so drehen die Sachen dann ihre Runde. Ich fühle mich manchmal, als wäre ich ein Kleidungs-Distributions-Zentrum, aber alle haben davon einen Vorteil. Die Leute in Österreich, die mir Kleidung mitgeben, freuen sich, dass ihre Sachen noch gebraucht werden, und können sicher sein, dass sie an Leute gehen, die sie wirklich brauchen, und die Leute in Serbien freuen sich über die schönen, qualitativen Sachen.

In ihrem Artikel Bornholm – die Sonneninsel hat Doris unter anderem auch darüber geschrieben, wie auf der Insel Bornholm durch Recycling dem Ansammeln von zu viel Müll entgegengewirkt wird.

Was Müll betrifft, darüber könnte ich in Bezug auf Serbien auch Bände schreiben. Als ich nach Serbien ging, gab es so gut wie gar keine Mülltrennung. Nach Jahren des Mülltrennens war es für mich ein ziemlicher Kulturschock, einfach alles in die gleiche Mülltonne zu werfen. Außerhalb eines jeden serbischen Ortes gibt es dann eine große, offene Mülldeponie. Da in Serbien Batterien nicht gesondert entsorgt werden müssen, brennt es dann halt öfters auf den Mülldeponien. Mittlerweile gibt es in Serbien eine blaue Tonne, in der Plastik und Metall separat weggeworfen werden können. Ich habe allerdings die Vermutung, dass am Ende trotzdem alles auf der gleichen Mülldeponie landet. Mir wurde von klein auf eingetrichtert, dass Plastik und Dosen gewaschen werden, bevor sie in die Recyclingcontainer kommen. In Serbien, wo es keine Mülltrennungskultur wie in Deutschland oder Österreich gibt, werden auch Dinge, die angeblich recycelt werden, dreckig weggeworfen.

Aber ich versuche auch anderweitig, minimalistischer zu leben und Ressourcen zu schonen. Im Herbst sammle ich Rosskastanien, die ich anstatt Waschmittel zum Wäschewaschen verwende. Ich spare Geld und schone damit die Umwelt. Es kostet mich nichts und die Wäsche wird irgendwie weicher als bei herkömmlichen Waschmitteln. Über das Waschen mit Kastanien habe ich bereits vor einiger Zeit einen Artikel geschrieben. Kastanien habe ich zwar nicht ganzjährig zur Verfügung, aber man kann sie schneiden und trocknen, um sie länger haltbar zu machen. Das habe ich aber noch nicht probiert. In den warmen Monaten wasche ich auch öfters mit einem selbstgemachten Waschmittel, das ich aus Efeu herstelle. Man kann natürlich auch einen Bio-Waschball oder etwas Ähnliches verwenden.

Wir als Familie versuchen uns aber in Bezug auf Haus und anfallende Renovierungen minimalistisch und bescheiden zu halten. Wir leben in einer Dienstwohnung (eigentlich ein Haus) mit riesigem Garten. Da es sich um eine Dienstwohnung handelt, wollen wir natürlich nicht allzu viel von unserem eigenen Geld hier hineinstecken, sondern versuchen, über günstige, kreative Wege Änderung hier hineinzubringen. Mietwohnungen sind in Serbien übrigens eher unüblich. Mal abgesehen von größeren Städten wie Belgrad oder Novi Sad haben die meisten Menschen entweder ein Haus oder eine Eigentumswohnung. In Mietwohnungen sehen die Menschen hier keinen Sinn.

In unserer Dienstwohnung war ich seit jeher unzufrieden mit meiner Küche. Es war keine schlechte oder total alte Küche. Ja, sie hat mir optisch nicht so gefallen, aber damit hätte ich leben können. Nein, was mich wirklich gestört hat, war die unpraktische Raumnutzung. Ich frage mich auch, welcher Architekt sich so etwas ausgedacht hat. Im ersten Eck der Durchgang zum Speisezimmer, im zweiten Eck die Türe zum Vorzimmer, im dritten Eck die Türe zur Speisekammer und der Dunstabzug, im vierten Eck das Fenster. Eine Konstellation, die es einem unmöglich macht, den Platz in diesem Raum optimal auszunutzen. Jahrelang habe ich mich in dieser nicht ganz passenden Küche zurechtgefunden, aber als klar wurde, dass wir hier noch länger verweilen werden, war diese provisorische Lösung doch nicht so ganz das Wahre.

Ich bin nicht so ein Fan der Küchen, die man hier in Serbien kaufen kann, und außerdem wollten wir jetzt nicht total viel Geld in eine neue Küche investieren, wenn wir hier doch in ein paar Jahren wieder ausziehen müssen. Der Plan war also, eine gebrauchte Küche zu kaufen, die ungefähr unseren Maßen entsprach, aber auch diese gebrauchten Küchen sind in Serbien teuer. Was Leute in Deutschland, Österreich und anderen Ländern wegwerfen, wird hier am Balkan teuer weiterverkauft. Monatelang habe ich nach einer passenden Küche gesucht, um diesen Raum funktionaler zu machen, aber ohne Erfolg. In Österreich hingegen werden einem gebrauchte Küchen regelrecht nachgeworfen. Im Endeffekt haben wir dann in Wien eine gebrauchte Küche samt Einbaugeräten um 200 € erworben, leider doch nicht komplett gratis, aber dafür fast genau das, was wir brauchten. Die Elemente mussten wir aufgrund von Anschlüssen etwas anders anordnen und aufgrund dessen eine neue Arbeitsplatte dazu kaufen, aber was nicht passt, wird passend gemacht. Und neue Fliesen haben wir natürlich auch besorgt. Im Endeffekt haben wir um die 700 € in diese Küchenrenovierung gesteckt, inklusive Fliesen und Farbe, aber es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Vladimir hat am Ende auch noch ein Holzregal für eine leere Ecke gebaut und aus einer alten Schranktür eine Wandverkleidung gemacht.

Was kann ich noch über Minimalismus sagen? Natürlich etwas, das wieder in eine komplett andere Richtung geht. Etwas, das mir hier in Serbien immer wieder auffällt, ist, wie viel die Leute hier für den Winter einkochen. Marmeladen, Soßen, Sauerkraut, eingelegte Salate und vieles mehr. Meine Schwiegermutter zum Beispiel hat über viele Jahre Paprika und Sarma mit rohem Fleisch befüllt und sie dann tiefgefroren. Wenn sie dann aufgetaut und gekocht werden, schmecken sie wie frisch gekocht. Paprika sind hier eigentlich nur über den Sommer und im frühen Herbst günstig. Das restliche Jahr über kaufen die meisten Leute eigentlich keine Paprika, da die aus dem Ausland importierten Paprika zu teuer sind. Darum ist jetzt, im September, der ideale Zeitpunkt, um Paprika in allen möglichen Varianten für den Winter einzukochen und einzufrieren.

Diese Kiste mit Paprika, etwa 4 kg, hat uns ca. 2 € gekostet.

Für mich persönlich ist die einfachste und beste Variante, den Paprika nur zu waschen und in kleine Stücke zu schneiden und anschließend in Gefrierbeuteln einzufrieren. Diese eingefrorenen Paprikastücke sind dann in den Wintermonaten super, um mal schnell Saksuka oder etwas Mexikanisches zu kochen.

Was Minimalismus betrifft, haben mich das Leben hier in Serbien und mein Partner wirklich stark beeinflusst. Jedes Mal, wenn ich sage, ich brauche dies und das, fragt er mich, ob wir das nicht aus vorhandenen Dingen zusammenzimmern können. Gönne ich mir trotzdem hin und wieder etwas, wenn ich es wirklich brauche? Ja, natürlich, aber ich habe hier über die Jahre gelernt, nicht so viel zu brauchen, mit weniger auszukommen, alte Dinge zu upcyclen. Es muss nicht alles perfekt passen und neu sein. Ich gebe weniger Geld für Kleidung und Schuhe aus und habe dafür mehr Geld für zusätzliche Urlaube und Ausflüge mit meiner Familie übrig. Ich bekomme sehr viel geschenkt, schenke aber auch sehr viel weiter. Meine Kinder lernen, dass unsere gemeinsame Zeit und die Erinnerungen daran viel mehr wert sind, als die materiellen Dinge, die nach ein paar Jahren wieder vergehen.

Für die Zukunft würde ich mir wünschen, noch mehr Wege für mich zu finden, um Ressourcen zu schonen und die Umwelt zu schützen. Zum Beispiel weniger Müll produzieren, aber das fällt mir noch sehr schwer. Der Kompost in unserem Garten ist ein guter Anfang.

Ja, wir alle wollen aus unserem Haus, unserer Wohnung, dem, was wir zur Verfügung haben, ein Zuhause machen. Das Beste aus dem herausholen, was uns gegeben ist. Das muss nicht teuer sein. Mit genug Fantasie und den handwerklichen Fähigkeiten, die man sich mit der Zeit aneignet, schafft ihr es auch ganz ohne unnötige Ausgaben.

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