Dies ist kein Reisebericht, sondern ein Thema, das mir sehr wichtig ist und mit dem ich mich gerade intensiv beschäftige. Im Jahr 2022 auf unserer Reise durch Bosnien sind wir knapp an Srebrenica vorbeigefahren. Es war heiß, wir waren schon lange mit dem Auto unterwegs und wir hatten zwei kleine Kinder dabei und beschlossen daher, keinen Stopp in Srebrenica einzulegen, um das Memorial Center zu besuchen. Heute bereue ich es, dass wir damals nicht Srebrenica besucht haben und es steht weit oben auf meiner Liste der Orte, die ich noch besuchen möchte. Die letzten zwei Jahre waren wir im Sommer an dem Fluss Drina auf Urlaub. Zwar auf der serbischen Seite des Flusses, doch mir war damals nicht bewusst, wie nah Srebrenica auf der bosnischen Seite liegt.
In meiner Jugend habe ich mir immer gerne Horrorfilme angesehen, am liebsten Filme über Spukhäuser oder Übernatürliches. Filme über den Zweiten Weltkrieg hingegen, über den Nationalsozialismus und über Konzentrationslager, konnte ich mir keinesfalls ansehen. Ähnlich, wie die Geschehnisse in Srebrenica von denen ich gehört und gelesen habe, waren diese Filme für mich die echten Horrorfilme und ich finde es heute noch beängstigend, darüber nachzudenken, wozu wir Menschen eigentlich imstande sind. Was tief in uns Menschen steckt und was wir einander antun, das ist für mich der wahre Horror.
Da ich am Balkan lebe, in Serbien nahe der kroatischen und der bosnischen Grenze, interessiert mich natürlich auch die Geschichte dieser Region und ich beschäftige mich ein wenig damit. Vor etlichen Monaten hörten Doris und ich uns vom Podcast „Die Zeit“ vier Sonderfolgen über den Genozid in Srebrenica an. Schon bei Folge 1 sind bei mir die Tränen geflossen und der Podcast hat mich tief berührt. Es kamen dabei viele Menschen zu Wort, die alle den Genozid in Srebrenica aus verschiedenen Blickwinkeln erlebt hatten. Besonders schockiert hat mich auch, dass erwähnt wurde, dass viele Männer aus Šid, Serbien am Völkermord in Srebrenica beteiligt waren. Ich lebe schon seit vielen Jahren in Šid, aber davon hatte ich nichts gewusst. Bei dem Gedanken, dass ich oder meine Kinder in der Stadt mit jemandem in Kontakt kommen, der vielleicht hunderte von Menschen umgebracht hat, wird mir ganz schlecht.
Ich habe zu der Zeit, als ich den Podcast hörte, intensiv mit meinem Mann über die Geschehnisse in Srebrenica diskutiert, aber inzwischen sind schon wieder einige Monate vergangen. Gestern hat dann mein Mann sein Büro, in dem er sehr viele Bücher hat, aufgeräumt und ist dabei auf ein Buch gestoßen, von dem er meinte, es würde mich sicher interessieren. „Surviving Srebrenica“ von Hasan Hasanović. Wie dieses Buch in unseren Besitz gelangt ist, ist mir schleierhaft. Es ist recht dünn und hat nicht einmal hundert Seiten, aber sobald ich die erste Seite aufgeschlagen hatte, konnte ich es nicht mehr aus der Hand legen und habe es bereits nach kurzer Zeit ausgelesen. Das Buch ist auf Englisch, ich habe aber auch eine deutsche Version des Buches auf Amazon entdeckt, „Srebrenica überleben„. Hasans Erzählungen aus seiner unbeschwerten Kindheit im Dorf Sulice vor dem Krieg, der Flucht von Bratunac nach Srebrenica und seiner Jugend im belagerten Srebrenica haben mich so tief berührt, dass ich es gar nicht in Worte fassen kann.
Der 1975 geborene Hasan Hasanović wuchs im Dorf Sulice in Bosnien und Herzegovina auf. In seinem Buch erzählt er Geschichten über seine unbeschwerte Kindheit im Dorf mit seinen Eltern, Großeltern und zwei Brüdern. Er erzählt von seiner Schulzeit und einem späteren Umzug nach Bratunac in das riesige Haus, das sein Vater für die ganze Familie gebaut hat. Schließlich kommt es zur Flucht aus Bratunac nachdem sich wegen der Verbreitung von Hass und Propaganda durch die Medien, die serbische Bevölkerung gegen die muslimische Bevölkerung richtet. Am eindrücklichsten sind Hasans Beschreibungen über die dreijährige Belagerung von Srebrencia, dem Fall von Srebrenica und der anschließenden Flucht von Srebrenica nach Tuzla. Er schildert, wie es war, drei Jahre ohne Elektrizität zu leben. Kein Alltag, keine Schule, keine Arbeit. Bevor die Stadt zur UN-Schutzzone ernannt wurde, gab es keine Möglichkeit dort Nahrungsmittel, Hygieneartikel oder ähnliches zu erwerben. Hasan schildert Treffen mit seinen Freunden, bei denen sie Beatles Songs singen und mit dem Fahrrad ihre E-Gitarre betreiben, weil es ja keinen Strom gibt.
Als Srebrenica schließlich fällt, begibt sich der damals 19-jährige Hasan mit vielen anderen Männern auf den Todesmarsch durch die Wälder, von Srebrenica ins ca. 100 km entfernte Tuzla. Unter ständigem Beschuss der serbischen Truppen kämpfen sich die müden und ausgehungerten Männer durch die bosnische Wildnis. Ihr einziger Hoffnungsschimmer ist die Aussicht darauf, im freien Tuzla wieder mit ihren Familien vereint zu werden. Hasan ist einer der wenigen, der diesen Marsch überlebt. Sein Vater und sein Zwillingsbruder werden schon nach wenigen Kilometern von Hasan getrennt und haben, wie Hasan später erfährt, den Marsch nicht überlebt.
Hasan wird zwar in Tuzla wieder mit seiner Mutter, seinen Großeltern und seinem jüngeren Bruder vereint, doch der Weg der Überlebenden ist ein steiniger. Nun muss er sich Vorurteilen gegen Flüchtlinge stellen und sich seine Zukunft hart erkämpfen.
Es ist wichtig, dass wir über solche Ereignisse lesen, sprechen und sie nicht vergessen. Es ist wichtig darüber nachzudenken und um jeden Preis zu vermeiden, dass so etwas je wieder geschieht. Vielleicht dachten nach dem Zweiten Weltkrieg die Leute, dass jetzt das Schlimmste vorüber wäre, dass so etwas nie wieder geschehen würde. Doch die Menschheit lernt nie aus und die gleiche Geschichte wiederholt sich immer wieder.
Dazu, dass sich das Ganze immer wiederholt, fällt mir noch eine kurze Geschichte ein. Denn nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab es in Jugoslawien immer noch Deutsche (Donauschwaben), die nicht zurück in die Heimat geflohen waren. Sie wurden von Titos Partisanen interniert, enteignet und entrechtet. Schätzungen zufolge kamen dabei um die 60.000 Menschen ums Leben. Und das ziemlich gleich nach dem Zweiten Weltkrieg. Für die Menschen hier in Jugoslawien wurden also die Unterdrücker zu den Unterdrückten. Ich will keineswegs diese jugoslawischen Internierungslager für Deutsche mit den deutschen Internierungslagern während des Zweiten Weltkriegs vergleichen. Ich will lediglich sagen, dass die zuvor unterdrückten, die Jugoslawen bereit waren, ähnliche Gräueltaten zu begehen wie es die Nationalsozialisten zuvor getan hatten. Solange es Menschen auf dieser Welt gibt, die bereit sind solche Taten zu begehen, wird sich die Geschichte immer wiederholen.
Deswegen ist es wichtig darüber zu reden und die Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Ich höre heute noch von Leuten in Serbien, dass das, was in Srebrenica passiert ist zwar eine Gräueltat war, aber kein Genozid. Dass von allen Seiten Gräueltaten verübt wurden. Davon spreche ich, wenn ich sage, sie sollen Verantwortung übernehmen.
Allen Menschen, die an solchen geschichtlichen Ereignissen so interessiert sind wie ich, kann ich dieses kurze Buch von Hasan Hasanović wärmstens empfehlen. Es hat mir wieder einen anderen Aspekt der Geschehnisse gezeigt und mir einen tieferen Einblick in das Leben der Menschen vor und nach dem Genozid in Srebrenica gegeben.
Du wirst diese Zeilen wahrscheinlich nie lesen, aber danke, Hasan, dass du deine Geschichte und deinen großen Verlust mit uns geteilt hast.
